Der Grund, warum Capoeira so viele religöse Elemente hat

Pentagramme und Davidsterne.

Hast du bestimmt schon mal gesehen.

Auf Gruppenlogos, Capoeirashirts oder Büchern.

Und dann manche Capoeiristas, die alle möglichen Rituale machen, bevor sie in die Roda gehen…

 

Hast du dich auch schon mal gefragt, was es damit auf sich hat?

Was Capoeira mit Religion zu tun hat?

 

In diesem Artikel bekommst du eine Antwort darauf.

 

Religion zur Zeit der Kolonialisierung

Um diese Fragen zu beantworten, muss man (wie eigentlich immer wenn’s um Capoeira geht) zurückgehen in der Geschichte, und zwar bis zum Beginn der Kolonialisierung.

Mit den europäischen Kolonialherren kam der Katholizismus nach Brasilien. Zu dieser Zeit wurden auch viele Missionare in das neue Land geschickt, die die Indios bekehrten, Messen hielten und Kirchen bauten.

Als die ersten Sklaven aus Afrika auf die Plantagen gebracht wurden, wurden diese natürlich auch bekehrt. Paradoxerweise sah die katholische Kirche bis  ins 19. Jahrhundert die Sklaverei als eine Form, die Seele der Schwarzen zu retten, bis dann irgendwann doch das Prinzip der Nächstenliebe durchschlug. Der bekannte Jesuit Antonio Viera soll gesagt haben: “Seid dankbar für die Gefangenschaft, die euch herbrachte, und nutzt sie, um ewige Freiheit und Glückseligkeit zu erlangen.”

So waren die Sklavenbesitzer angehalten, ihre zur Messe zu schicken, sie taufen zu lassen und zu guten Christen zu erziehen. Außerdem war das Arbeiten an Sonn- und Feiertagen untersagt.

Doch die Sklaven brachten ihre eigenen Religionen aus Afrika mit. Da sie aus den unterschiedlichsten Regionen und Kulturen stammten, unterschieden sich auch ihre Religionen zum Teil stark voneinander.

In den Engenhos und Senzalas mischten sich diese Religionen also mit dem Christentum und teils sogar mit indianischen Kulten. Auf den meisten Fazendas war es den Sklaven gestattet, ihre kulturellen Feste zu feiern, was oft auch religiöse Zeremonien mit einschloss, da die Weißen sowieso kaum einen Unterschied merkten.

Durch dieses Vermischen der Religionen entstanden mindestens 15 afrobrasilianische Religionen, einige davon blieben auf kleine Regionen begrenzt während sich andere in ganz Brasilien ausbreiteten.

 

Und was hat das jetzt mit Capoeira zu tun?

Aber zurück zur Capoeira. Wahrscheinlich ist dir schon aufgefallen, dass der Entstehungsprozess der Religionen  dem der Capoeira ziemlich ähnlich ist. Tatsächlich fand die Entwicklung sehr wahrscheinlich sogar gleichzeitig statt, sei es auf den Festen der Senzalas, in den Quilombos oder in den Städten.

Auch in den Quilombos gab es diese Mischung der Religionen, nur waren dort keine Vorschriften der Weißen, an die sich die Sklaven halten mussten. Es gab zahlreiche Feiertage mit kulturellen und religiösen Riten, verschiedene Arten von Gotteshäusern und auch Bilder von katholischen Heiligen.

Und so kam es wohl, dass auch die Capoeira oft im Zusammenhang von religiösen Feierlichkeiten stattfand, sodass Capoeira und einige afrobrasilianische Religionen bis heute miteinander verknüpft sind.

 

Was sind diese afrobrasilianischen Religionen?

Afrobrasilianische Religionen wurden entweder von den Sklaven aus Afrika mitgebracht und in Brasilien nur leicht verändert oder sie entstanden aus der Mischung der verschiedenen Religionen in Brasilien.

Sie heißen Batuque, Candomblé, Quimbanda, Babaçuê, Encantaria, Pajelança, Cabula, Culto aos Egungun, Omoloko, Culto de Ifá, Xambá, Tambor-de-Mina, Umbanda, Xangô do Nordeste und Terecô. Davon sind Candomblé und Umbanda die wichtigsten, während die anderen überwiegend in einzelnen Staaten zu finden sind.

Ich werde jetzt nur auf den Candomblé eingehen, da er die größten Zusammenhänge mit der Capoeira aufweist und einige Fragen von oben klärt.

 

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Candomblé

Jedes afrikanische Volk verehrte eine eigene Gottheit, den sogenannten orixá. Dieser ist meist eine Figur aus der Natur und verfügt über spezielle Eigenschaften. Im Candomblé wurden nun all diese Gottheiten in einer Religion zusammengefasst, sodass sie den Sklaven aus den verschiedensten Kulturen gerecht wurde. Heute verfügt der Candomblé allerdings nur noch über knapp 40 orixás, während in Afrika hunderte verschiedener Gottheiten angebetet wurden.

Bereits im 18. Jahrhundert (also vor Ende der Sklaverei) gibt es Berichte über Häuser und Grundstücke, die gemeinschaftlich von Sklaven der verschiedenen Religionen genutzt wurden, meist am Rande der großen Städte.

Von den katholischen Kolonialherren wurde dies jedoch nicht gerne gesehen, da sie in den Zeremonien Hexerei und Aberglauben wähnten. Also verboten sie die Ausübung derartiger Religionen.

Die Schwarzen hatten natürlich nicht die Absicht, sich ihre Religion verbieten zu lassen, also wurde jedem orixá ein katholischer Heiliger zugeordnet (Geniale Idee, oder?). Jetzt konnte die Kirche nichts mehr dagegen tun, da ja offiziell ihre Heiligen angebetet wurden. Einige Quellen behaupten, dass diese Praktiken schon in Afrika üblich waren und sogar von Missionaren gefördert wurden, da so der Übergang zum Christentum erleichtert werden sollte.

Jede Person wird im Candomblé durch einen Priester einem der orixás zugeordnet, der über bestimmte Attribute und Charaktereigenschaften verfügt. Einige davon werden über Bildnisse angebetet, andere in der Natur. Der orixá gilt als Beschützer, ihm werden Opfergaben wie Früchte oder Tiere gebracht.

 

Zurück zur Capoeira

Wie du siehst, wurden also über einen langen Zeitraum Capoeira und afrobrasilianische Religionen wie der Candomblé am gleichen Ort praktiziert, oft auch von den gleichen Leuten und unter ähnlicher Repression durch die weiße Oberschicht. Allein dadurch hängen die beiden schon zusammen, auch wenn dieser Zusammenhang eher zufällig entstand.

Und es gibt viele Kleinigkeiten, die auf diesen Zusammenhang hinweisen:

 

Wusstest du zum Beispiel dass die Bewegungen cruz (Kreuz) oder bencao (Segen) auf das Christentum hinweisen? Oder der Begriff batizado (Taufe), bei dem der Capoeirista seine erste corda erhält. Oder die Rhythmen: Sao Bento Grande, Sao Bento Pequeno, Santa Maria…. Alles Heilige der katholischen Kirche!

Von den Liedtexten oder Gruppennamen fang ich gar nicht erst an.

Oder der mysteriöse axé, der in einer guten Roda zu finden ist… Eine Art positive Energie, oder auch Geist… Hat was Spirituelles!

Im Candomblé werden viele Rituale in weißer Kleidung abgehalten. Kommt einem auch irgendwie bekannt vor, oder?

Atabaque und Agogo werden auch im Candomblé genutzt.

 

Es gibt also unzählige Sachen, die auf die verschiedenen Religionen verweisen. Doch deswegen ist Capoeira noch lange nichts Religiöses.

Aber bis jetzt haben wir nur Geschichte gelernt, wie sieht das heute aus?

 

 

Die Capoeiristas heute

Dazu hab ich ein schönes Zitat gefunden:

“Capoeira hat keine Religion, nur die Capoeiristas haben eine Religion.” Mestra Vanuza

Und genau das ist der Fall. Brasilien ist immer noch ein sehr religiöses Land, in dem es durchaus üblich ist, Christ und gleichzeitig Anhänger einer der afrobrasilianischen Religionen zu sein.

Auch viele brasilianische Capoeiristas sind Anhänger dieser Religionen und praktizieren sie. So bitten viele um Gottes Segen, bevor sie die Roda betreten und machen das Kreuzzeichen. Andere beten zu einem der orixás, indem sie den Boden oder ein Bildnis von ihm berühren. Auch wenn sie die Roda verlassen, sprechen oder signalisieren sie oft einen Dank.

Noch heute gibt es in Brasilien einige Tempel afrobrasilianischer Religionen, in denen auch Capoeira unterrichtet wird und wo Capoeira und Religion zusammengehören. Doch das ist selten und hat wenig mit der modernen Capoeira zu tun, sondern eben nur mit dem Glauben des Capoeiristas.

Auch viele Gruppenlogos mit religiösen Zeichen stammen von solchen Meistern, die Capoeira mit ihrer eigenen Religion vermischen.

 

Fazit

Capoeira teilt sich eine gemeinsame Geschichte mit einigen Religionen, was sich in den verschiedensten Aspekten wiederspiegelt. Diese Geschichte wird bis heute gewürdigt, die Religion als solche ist jedoch kein Teil der Capoeira.

Deswegen sehe ich auch Lieder, in denen Götter, orixás oder Heilige angebetet werden, nicht in erster Linie als etwas Religiöses, sondern als einen Teil der Capoeirakultur. Ich kann mitsingen, auch wenn ich mit diesem Glauben nicht das Geringste am Hut hab.

 

Wie siehst du das? Schreib einen Kommentar!

 

 

 

 

 

Quellen

Escravidão e Religião

https://pt.wikipedia.org/wiki/Religi%C3%B5es_afro-brasileiras

https://pt.wikipedia.org/wiki/Candombl%C3%A9

https://de.wikipedia.org/wiki/Candombl%C3%A9

www.e-publicacoes.uerj.br/index.php/tecap/article/view/10180/7953

Xitara

Xitara

Xitara ist nicht nur leidenschaftliche Capoeirista, sondern auch Autorin und Bloggerin. Auf Gingado unterstützt sie andere Capoeiristas mit Trainingstipps und Hintergründen rund um Capoeira.
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