Vom Freiheitskampf zum modernen Sport – Die Geschichte der Capoeira

Die Geschichte der Capoeira ist fest verknüpft mit der Geschichte Brasiliens und der Geschichte der schwarzen Sklaven in Brasilien. Falls Du mehr dazu erfahren möchtest, schau mal in die Kategorie “Geschichte und Geschichten“.

 

Entstehungstheorien

Geschichtlich erwähnt wird die Capoeira zum ersten Mal Ende des 18. Jahrhunderts, viele Historiker gehen aber davon aus, dass sie schon um 1600 entstand. Die meisten Quellen beschreiben, dass sie aus einer Vermischung verschiedener Kulte und Tänze entstand. Einflüsse waren demnach vor allem Batuque, Bassula und NíGolo, der afrikanische Zebratanz der oft als Wurzel der Capoeira bezeichnet wird.

 

Über den Ort der Entstehung sind sich die Historiker uneins. Einige von ihnen glauben, dass die Capoeira in den Senzalas, den Sklavenunterkünften auf den großen Fazendas entstand, wo den Sklaven keine Kämpfe, wohl aber die Ausübung ihrer religiösen Feste und Zeremonien gestattet war. So sollen sie ihren Kampf durch Klatschen und Gesang als Tanz getarnt haben, durch die Roda geschützt vor fremden Blicken. Dabei konnte das Spiel durch die Instrumente gesteuert werden, zu einem schnelleren Rhythmus konnte gekämpft werden, während die Musik langsamer wurde, sobald sich ein Aufseher näherte. Möglicherweise hatten die Sklaven auch die Möglichkeit, sich in den umgebenden Wäldern zu Treffen um ihren Kampf zu üben.

 

Die andere Theorie geht davon aus, dass die Capoeira erst in den Quilombos entstand, den einfachen Siedlungen entflohener Sklaven in den Wäldern. Einige Historiker weisen darauf hin, dass in den Senzalas auch das Ausüben von religiösen Handlungen verboten war, und die Capoeira somit erst später entstanden sein kann. Allerdings herrschten von Fazenda zu Fazenda sehr unterschiedliche Bedingungen, so dass keine der Aussagen abschließend bewiesen werden kann.

 

Doch egal wo die Capoeira letztlich entstand, der Grund bleibt der gleiche: der Kampf um Freiheit. Sowohl auf den Fazendas wäre die Capoeira eingesetzt worden, um fliehen zu können und sich vor Übergriffen zu schützen. Auch in den Quilombos mussten sich die Bewohner gegen Sklavenjäger und Soldaten zur Wehr setzten und ihre Freiheit beschützen.

 

Bemerkenswert ist, dass die Capoeira als eine Form des Widerstandes der Sklaven nicht so einzigartig ist, wie oft dargestellt. Auch in anderen Kolonien, in die viele Afrikaner verschleppt wurden, entwickelten sich ähnliche Phänomene, wie zum Beispiel der Maní auf Kuba.

 

Die Bedeutung von “capoeira”

Auch über die Wortherkunft sind Wissenschaftler nicht einer Meinung. Die vorherrschende Meinung geht davon aus, dass der Ausdruck aus dem Tupiguarani, der Sprache der Ureinwohner Südamerikas stammt und sich aus “caa” und “puera” zusammensetzt, was mit “niedriger Wald” übersetzt werden kann, der Ort, an dem die Sklaven die Capoeira praktizierten. Andere Quellen berichten, der Name stamme von einem Vogel.

 

Gerade in den Quilombos waren die geflohenen Sklaven völlig auf sich selbst gestellt, sie hatten weder Werkzeuge, noch Waffen um sich zu verteidigen und konnten daher nur auf den eigenen Körper und ihre List zurückgreifen. Dabei war die Capoeira von großem Nutzen, da sie beides verbindet und ideal aus dem Hinterhalt angewandt werden konnte, um die Sklavenjäger zu überraschen.

 

Beim “Erfinden” der Bewegungen, Tritte und Schläge orientierten sich die Sklaven überwiegend an der sie umgebenden Natur, so haben bis heute viele Bewegungen Tier- oder auch Pflanzennamen. So galt es zum Beispiel, geschmeidig zu springen wie der Jaguar (pulo do gato) oder einen Tritt so gefährlich auszuführen, wie der Schwanz des Stachelrochens (rabo de arraia).

 

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Capoeira in den Städten

In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts zeichnete sich das baldige Ende der Sklaverei bereits ab und führte zu immer höheren Zahlen flüchtender Sklaven. Diese strömten auf der Suche nach einem sicheren Versteck nicht nur zu den Quilombos, sondern verbargen sich auch in der Anonymität der Favelas. Und natürlich brachten sie ihre Capoeira mit in die Städte.

 

In den großen Städten bildeten sich Capoeirabanden, die sogenannten Maltas. Diese Gruppierungen waren allseits gefürchtet und verfolgten unterschiedliche Ziele, von der Befreiung anderer Sklaven bis hin zu Überfällen. Und obwohl die Capoeira verboten und geächtet war, wurden die urbanen Capoeiristas oft vom Militär oder der Obrigkeit in Krisensituationen eingesetzt, wie beispielsweise im Krieg gegen Paraguay, an dem eine große Zahl Capoeiristas teilnahm. Einige Historiker sind sogar der Meinung, die Maltas hätten erheblich dazu beigetragen, das Ende der Sklaverei zu beschleunigen.

 

Mit der Abolition 1888 waren zwar mit einem Schlag alle Sklaven zu freien Menschen geworden, ihre wirtschaftliche Situation blieb jedoch desaströs. In der Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen zogen die Schwarzen in die Städte, wo es für sie jedoch nur wenige und schlecht bezahlte Arbeitsplätze gab und kaum Chancen auf Bildung und sozialen Aufstieg. Sowohl die Capoeira als auch andere Elemente der afrobrasilianischen Kultur waren verboten oder gesellschaftlich geächtet.

 

Die verbotene Kunst

Hier ein Auszug aus einem entsprechenden Gesetz von 1890: “Auf Straßen und öffentlichen Plätzen ist das Ausüben von Geschicklichkeits- und Leibesübungen, bekannt unter dem Namen “capoeiragem”; ebenso wie das Laufen in Gruppen mit Waffen oder anderen Objekten, welche körperliche Schäden verursachen können; das Hervorrufen von Tumulten und Unruhen sowie das Bedrohen von Personen verboten. Strafe: zwei bis sechs Monate Zuchthaus.”

 

Unter diesen städtischen Bedingungen veränderte die Capoeira ihr Gesicht. In den Straßen entwickelte sich die malícia, die zum Überleben notwendige List und Schlitzohrigkeit, zu einem wichtigen Bestandteil der Kampfkunst. Sie wurde nicht mehr nur von den Maltas praktiziert, sondern von immer mehr Schwarzen als Teil ihrer Kultur, als Aktivität für die Kinder und auch als Möglichkeit, ein bisschen Geld zu verdienen, entdeckt.

 

Doch auch die Weißen entdeckten das Potential der Capoeira für sich, vor allem das der Maltas. Politiker und andere einflussreiche Persönlichkeiten heuerten Capoeiristas an, um für ihre Ansichten zu werben oder gegen rivalisierende Lager zu kämpfen. So fanden sich einige Maltas sogar in die Kämpfe zwischen Monarchisten und Republikanern verwickelt.

 

 

Bereits in den jungen Jahren der Republik Brasilien, die kurz nach der Abschaffung der Sklaverei ausgerufen wurde, befanden sich unter den Capoeiristas berühmt-berüchtigte Persönlichkeiten, von denen Lieder und Legenden bis heute berichten. Trotz der immer noch andauernden Unterdrückung der Capoeira brachten sie es zu Ruhm und Bekanntheit und wurden für ihren Mut bewundert. Die bekanntesten von ihnen waren Manduca da Praia, Nascimento Grande und Besouro Manganga.

 

Und so schafften es weder Verbote noch die gesellschaftliche Ächtung, die Ausbreitung der Capoeira aufzuhalten. Mit der Zeit veränderte sich die Capoeira, von Stadt zu Stadt gab es Unterschiede in ihrer Ausführung und Philosophie, doch die Grundlage war immer der Freiheitsgedanke.

 

Capoeira Angola und Capoeira Regional

Um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts erlebte sie jedoch eine kleine Revolution: Während Mestre Bimba seine Capoeira Regional als strukturierte Kampfkunst entwickelte, in die auch Elemente anderer Kämpfe einflossen, konzentrierte Mestre Pastinha sich mit der Capoeira Angola auf die Wurzeln und Traditionen der alten Capoeira, was zu einer Spaltung der Kampfkunst führte. Gleichzeitig verhalfen die beiden Meister der Capoeira zu einer nicht gekannten Popularität und trugen maßgeblich dazu bei, dass das Capoeiraverbot 1940 aufgehoben wurde.

 

In den folgenden Jahrzehnten setzte sich die Capoeira mehr und mehr als Sport durch, Lehrmethoden und Strukturen wurden verbessert und nationale Wettkämpfe organisiert. Es bildeten sich zahlreiche Gruppen, die die Capoeira von Brasilien in die ganze Welt trugen.

 

Capoeira heute

Heute gibt es zahllose Gruppen, die sich zum Teil stark in Philosophie und Praxis unterscheiden. Neben den beiden Stilen Capoeira Regional und Capoeira Angola entwickelte sich in den letzten Jahren noch ein dritter, die sogenannte Capoeira Contemporanea, ein Sammelbegriff für verschiedene modernere Stile, die sich meist irgendwo zwischen den beiden anderen bewegen.

 

Und endlich ist die Capoeira auch in allen Gesellschaftsschichten vertreten, sie ist zur Grundlage einiger Filme geworden, wird in Musikvideos gezeigt und in unzähligen Büchern beschrieben. Aus dem Kampf der Sklaven für Freiheit wurde ein moderner Sport, der doch viel mehr ist, als nur ein Sport. Schüler in aller Welt lernen über die Capoeira (afro)brasilianische Kultur, Sprache und Geschichte kennen. Auch darum wurde Capoeira 2014 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

 

 

 

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Foto:http://grupoeubahia.webnode.com.br/


Xitara

Xitara

Xitara ist nicht nur leidenschaftliche Capoeirista, sondern auch Autorin und Bloggerin. Auf Gingado unterstützt sie andere Capoeiristas mit Trainingstipps und Hintergründen rund um Capoeira.
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