Mestre Bimba – Schöpfer der Capoeira Regional

Mestre Bimba gehört zu den wichtigsten Persönlichkeiten der Capoeirageschichte, denn ohne ihn sähe die Capoeira von heute wohl ganz anders aus… Hier ist seine Geschichte:

 

Kindheit

Mestre Bimba hieß mit bürgerlichem Namen Manoel dos Reis Machado und wurde am 23.11.1899 (je nach Quelle auch 1900) in Salvador da Bahia geboren.  Seine Eltern hießen Luiz Cândido Machado und Maria Martinha do Bonfim und lebten zu der Zeit im Viertel Engenho Velho.

 

 

Seinen Spitznamen “Bimba” erhielt er Erzählungen zufolge bereits bei der Geburt, entstehend aus einer Wette zwischen seiner Mutter und der Hebamme. Während seine Mutter davon überzeugt war, ein Mädchen zu gebären, behauptete die Hebamme das Gegenteil. Daraufhin soll Maria erwidert haben “Wenn es wirklich ein Junge wird, kriegt er den Spitznamen Bimba.” Dazu muss man wissen, dass das Wort “bimba” in Bahia umgangssprachlich das männliche Geschlechtsteil beschreibt. So kam also Mestre Bimba zu seinem Apelido.

 

Bimbas Vater Luíz praktizierte seinerzeit erfolgreich Batuque, einen Kampf afrikanischen Ursprungs, bei dem die Gegner sich mit harten Schlägen und Tritten aus dem Gleichgewicht brachten. Diese Verbindung sollte sich Bimba später noch zu Nutze machen.

 

Über seine Kindheit ist wenig bekannt, doch mit 12 Jahren begann er seine Laufbahn als Capoeirista. Sein Lehrer war ein Afrikaner namens Bentinho, Schiffskapitän der bahianischen Marine, der im heutigen Viertel Liberdade einige Schüler in der Kunst der Capoeira (Angola) unterrichtete.

 

Zu dieser Zeit war die Capoeira noch verboten, wer sie öffentlich praktizierte, riskierte eine Gefängnisstrafe von bis zu sechs Monaten. Dies hielt Bimba jedoch weder davon ab, die geheime Kunst zu erlernen, noch davon, sie selbst zu unterrichten.

 

 

Die Karriere beginnt – Capoeira Regional

Mit 18 hatte er bereits einige Schüler, hauptsächlich Schwarze und Mulatten aus der Mittelschicht, aber auch einige bekannte Persönlichkeiten wie Richter und Gouverneure zählten dazu. Letztere erhielten oft Privatunterricht in ihren Häusern. Er konzentrierte sich zeitweise sogar auf die gehobeneren Schichten, weil er darin die Möglichkeit sah, Capoeira aus dem Untergrund zu holen und in die Gesellschaft zu integrieren.

 

Mit seiner wachsende Erfahrung als Lehrer begann Bimba, eigene Konzepte zu entwickeln. Sein Unterricht war strukturiert, legte Wert auf physische Fitness und vor allem Disziplin (siehe Die Regeln Bimbas). Auch die Bewegungen selbst unterzog er einiger Änderungen, wobei er Elemente asiatischer Kampfsportarten und des Batuques einbezog, um die Capoeira wettkampffähig zu machen. Er entwickelte ein System aus 52 Bewegungen, sowie seinen berühmten Sequenzen. Das Spiel fand weiterhin zu Musik statt, war aber weitaus schneller als in der ursprünglichen Capoeira. Seinen neuen Stil nannte er zunächst “Luta Regional Baiana” (Regionaler Kampf Bahias), woraus später Capoeira Regional wurde.

 

Mit seinen Veränderungen machte er sich jedoch nicht nur Freunde, viele kritisierten ihn, er verwische die Traditionen der afrobrasilianischen Kunst. Doch sein Erfolg sprach für sich.

 

Im Laufe der Jahre nahmen er und seine Schüler immer wieder an Schaukämpfen teil, die sie meist sehr eindeutig für sich entschieden. Bimba, mit seinen 1,93 m und 89 kg schon eine imposante Erscheinung, galt schon bald als unschlagbar und soll einige seiner Kämpfe sogar in wenigen Sekunden gewonnen haben, was ihm den Spitznamen “Drei Schläge” einbrachte.

 

Mestre Itapoan, selbst Schüler Mestre Bimbas, erzählt in seinem Buch “Perfil do Mestre” zahlreiche unterhaltsame Begebenheiten wie diese: Eines Tages tauchte ein Fremder beim Training auf, um Mestre Bimba herauszufordern. Die beiden hockten am Fuß des Berimbaus, doch noch ehe sein Gegner den Radschlag in die Roda beendet hatte, lag er bereits mit einer Bencao von Mestre Bimba im Gesicht getroffen am Boden. Völlig perplex fragte er: “Mestre, was war das denn?”, worauf Bimba nur sagte “Ein Fuß, mein Sohn”.

 

1936 forderte Mestre Bimba öffentlich “jeden Kämpfer jeder Kampfkunst” heraus, es mit ihm und seiner Capoeira Regional aufzunehmen. Daraufhin fanden vier öffentliche Wettkämpfe statt. Der längste dauerte eine Minute und 10 Sekunden, alle vier entschied der Meister problemlos für sich. Zu dieser Gelegenheit hatte man dem Sieger einen goldenen Gürtel versprochen, den Mestre Bimba jedoch nie erhielt. Itapoan erzählt, der Meister habe sich daraufhin selbst einen gebastelt und ihn in seinem Wohnzimmer aufgehängt.

 

Neue Artikel im Shop - nur für kurze Zeit!

bild4

 

 

Die erste Capoeiraschule der Welt

1932 eröffnete Mestre Bimba offiziell seine erste Akademie in Salvador. Er verbesserte seine Lehrmethoden weiter und entwickelte Aufnahmerituale, physische Tests, ein Graduierungssystem sowie Spezialisierungskurse für seine fortgeschrittenen Schüler. Dabei bemühte er sich immer um soziale und akademische Standards, die all seine Schüler einzuhalten hatten, wenn sie weiter bei ihm trainieren wollten. Besonders die Spezialisierungskurse, die häufig im Wald stattfanden und zum Teil militärischen Charakter hatten, vermittelten viel mehr als nur Bewegungen, sondern einen Lebensstil.

 

All diese Neuerungen sollten dazu beitragen, die Capoeira aus ihrem Schattendasein herauszuführen. Kurz nach der Eröffnung seiner Schule wurde Mestre Bimba vom Gouverneur des Staates vorgeladen. Da die Capoeira immer noch offiziell verboten war, befürchtete er eine Verhaftung, doch der Gouverneur bat ihn stattdessen um eine Capoeiravorführung vor seinen Gästen. In den folgenden Jahren kam es immer wieder zu solchen Einladungen und Schaukämpfen vor verschiedenstem Publikum und Mestre Bimba und seine Capoeira Regional wurden in ganz Brasilien (und sogar international) bekannt. Immer begleitet von einer Gruppe von Schülern reiste er durch Brasilien, um die Capoeira Regional in Stadien und auf Ausstellungen vor Tausenden zu präsentieren.

 

Capoeira für den Präsidenten

1953 kam für Mestre Bimba und seine Schüler ein Höhepunkt: Sie erhielten die Einladung in den Regierungspalast, um dort ihre Capoeira Getúlio Vargas, dem damaligen Präsidenten Brasiliens vorzuführen. Der Präsident war sehr angetan von diesem “einzigen rein brasilianischen Sport”, was dazu führte, dass er das Capoeiraverbot aufhob.

 

In den folgenden Jahren reiste der Meister mit seinen Schülern weiter durch Brasilien von Vorführung zu Vorführung, unterrichtete aber auch weiterhin in seiner Akademie in Salvador. Auch bei Polizei und Militär lehrte er seine Kampfkunst.

 

Trotz aller Erfolge wurde Mestre Bimba jedoch immer unzufriedener mit der Situation in Salvador, oft beklagte er sich über mangelnde Unterstützung durch die lokalen Autoritäten. Ganz anders wurden er und seine Schüler hingegen bei verschiedenen Besuchen in Goiânia (Bundesstaat Goiás) aufgenommen. Seine Arbeit wurde sowohl vom Volk als auch von den höchsten Stellen gewürdigt, ihm wurden großartige Angebote und Versprechungen gemacht, sollte er dort unterrichten wollen.

 

Der Umzug nach Goiânia und sein letztes Jahr

Und so entschied sich Mestre Bimba, seine geliebte Heimat Bahia 1973 zu verlassen und in Goiânia sein Glück zu versuchen. Er verkaufte all seinen Besitz, überließ seine Akademie einem seiner Schüler und hielt eine letzte Formatura ab, die gleichzeitig sein Abschiedsfest sein sollte. All seine Schüler waren sich einig, ihren Meister nie so traurig erlebt zu haben.

 

Angekommen in Goiânia stellten sich jedoch viele der großen Versprechen als Lügen heraus. Der Schüler, der den Umzug und die vielversprechenden Posten organisiert hatte, soll ihn bei Vorführungen und Unterricht betrogen haben, sodass Mestre Bimba und seine Familie bald auf sich allein gestellt waren. Doch Bimba war zu stolz, um aufzugeben und nach Bahia zurückzukehren. Schon vor seiner Abreise soll er gesagt haben “Hierher kehre ich nicht zurück, nie wurde ich von den Behörden unterstützt. Selbst wenn mir Goiânia nichts nutzt, den Friedhof dort werde ich nutzen.” Trotz der Schwierigkeiten fand er tatsächlich einige Orte, an denen er vor begeisterten Schülern unterrichten konnte.  Von dem versprochenen luxuriösen Leben konnte jedoch keine Rede sein.

 

Zwei Mal reiste Mestre Bimba noch nach Salvador, offiziell, um sich um seine finanziellen Angelegenheiten zu kümmern (das Geld für seine verkauften Häuser erhielt er in Raten). Einige seiner ehemaligen Schüler waren sich jedoch sicher, dass er nur richtig Abschied nehmen wollte, denn er besuchte all seine Lieblingsorte, ging am Strand spazieren und verbrachte viel Zeit mit seinen früheren Schülern. Von seiner misslichen Lage erfuhren diese erst durch seine Frau Nair, Bimba selbst erzählte stets, es ginge ihm gut in Goiânia.

 

Am 05.02.1974, gerade einmal ein Jahr nach seinem Umzug, starb Mestre Bimba in Goiânia. Nachdem er am Vortag noch eine Vorführung vor 2500 Zuschauern gegeben hatte, fühlte er sich so schlecht, dass er ins Krankenhaus gebracht wurde, wo er einem Schlaganfall erlag, oft wird als Grund jedoch “banzo” angegeben, die Krankheit des Vermissens und der Traurigkeit. Er hinterließ zwei Frauen sowie an die 20 Kinder, von denen die meisten in seine Fußstapfen traten und Capoeiristas wurden.

 

Als die Nachricht von seinem Tod Salvador erreichte, schlossen dort die Capoeiraschulen für 7 Tage, in Trauer um den großen Meister.

 

Mestre Bimbas Verdienst um die Capoeira ist unglaublich. Er entwickelte nicht nur einen neuen Stil, der die fast schon aussterbende Capoeira wieder belebte, sondern revolutionierte auch das Training und das gesamte Konzept. Weder ein Graduierungssystem, noch die Ideen der Formaturas, Prüfungen und speziellen Kurse gab es vorher und auch im musikalischen Bereich hinterließ er ein reiches Erbe. Ohne diese visionäre und beeindruckende Persönlichkeit wäre die Capoeira heute eine völlig andere…

 

Teile diesen Artikel!

 

 

 

Xitara

Xitara

Xitara ist nicht nur leidenschaftliche Capoeirista, sondern auch Autorin und Bloggerin. Auf Gingado unterstützt sie andere Capoeiristas mit Trainingstipps und Hintergründen rund um Capoeira.
Xitara

Kommentar verfassen