Mestre Pastinha – Der große Meister der Capoeira Angola

Pastinhas Kindheit

Vicente Joaquim Ferreira Pastinha wurde am 05.04.1889 in Salvador da Bahia geboren. Sein Vater Jose Senor Pastinha war ein spanischer Händler, der ein kleines Lager in der Altstadt betrieb; seine Mutter Maria Eugenia Pastinha stammte aus Bahia und arbeitete als Wäscherin und Acarajeverkäuferin.

 

Pastinha hatte eine glückliche Kindheit, er besuchte Malkurse an der Kunstschule und spielte mit den Kindern der Nachbarschaft. Die Geschichte, wie er zur Capoeira kam, ist überliefert: Mit knapp zehn Jahren wurde Pastinha oft von einem größeren Jungen aus seiner Nachbarschaft verprügelt. Dies sah eines Tages der Afrikaner Benedito, ein Capoeirameister, der ebenfalls in der Gegend wohnte. Er lud Pastinha zu sich nach Hause ein, um ihn einige Dinge zu lehren. „Mit dem kannst du’s nicht aufnehmen, der ist größer und älter als du. Statt hier verprügelt zu werden und deine Zeit zu verschwenden komm lieber zu mir, ich bring dir ein paar nützliche Sachen bei!“ Und Pastinha nahm das Angebot an.

 

Drei Jahre lang lernte er bei Benedito die List und Gerissenheit des Angola-Spiels und konnte bald sogar seinen einstigen Rivalen derart schlagen, dass dieser ein Bewunderer von ihm wurde. Er verbrachte seine Nachmittage bei seinem Meister und wurde zu dem am meisten respektierten Jungen des Viertels.

 

Mit dreizehn Jahren meldete ihn sein Vater in der Schule für Seefahrer an, wo er seine Capoeira nicht weiter trainieren konnte, was ganz im Sinne seines Vaters war, der im Capoeiratraining seines Sohnes einen Zeitvertreib für Rumtreiber sah. Doch kaum auf der Schule angekommen, brachte Pastinha seinen Freunden Capoeira bei, wenn auch nur heimlich, da das Ausüben noch immer verboten war. Im Gegenzug lernte er von seinen Freunden Maculele und Gitarre spielen.

 

Die ersten Jahre als Lehrer

Nach acht Jahren verließ er die Schule, um Maler zu werden. Daneben unterrichtete er weiter die Capoeira. Sein erster richtiger Schüler war Raimundo Aberrê, der täglich zu Pastinha kam, um von ihm zu lernen. Doch das Praktizieren der Capoeira war weiterhin verboten und wurde hart bestraft, sodass Pastinha seinen Unterricht zwischen 1913 und 1934 praktisch einstellte. Um über die Runden zu kommen, arbeitete er unter anderem als Anstreicher, Bauarbeiter und Türsteher in einem Casino. Seine Leidenschaft blieb jedoch die Capoeira.

 

1941 lud sein Schüler Aberrê ihn zu einer Roda im Stadtteil Gengibirra ein, die regelmäßig von den besten Meistern der Stadt abgehalten wurde. Die Meister hatten Aberrê spielen sehen und wollten seinen Lehrer kennen lernen. Die Meister, darunter Mestre Amorzinho, waren sehr angetan von Pastinha und unterstützten ihn dabei, wieder zu unterrichten. Und so eröffnete Mestre Pastinha 1942 das “Sport Zentrum Capoeira Angola”, die erste Angola-Schule Brasiliens.

 

Er entwarf für seine Schüler Uniformen in den Farben seines Lieblingsclubs Ypiranga, schwarze Hosen und gelbe Shirts. Es wird berichtet, dass er außerdem jedem Schüler eine für diesen charakteristische Zeichnung auf sein Shirt malte.

 

Der Meister wird bekannt

In den folgenden Jahren wurden Mestre Pastinha und seine Akademie (die 1944 umzog) immer bekannter. Sowohl Touristen als auch andere Interessierte kamen in den Stadtteil Pelourinho, um den Meister spielen zu sehen und seine Musik zu hören, darunter bekannte Persönlichkeiten wie der Dichter Jorge Amado und der Philosoph Jean Paul Sartre.

 

Pastinha selbst wird als beeindruckende Persönlichkeit beschrieben, als humorvoller und gebildeter Mann, der seinen Schülern Freund und sogar Vaterfigur war. Er betonte stets die Wichtigkeit der ursprünglichen Capoeira, die er als “Vater und Mutter aller brasilianischen Kämpfe” beschreibt und verfügte über ein riesiges Wissen über Traditionen und Geschichten. Im Laufe der Zeit gab er einige Interviews und so sind viele seiner Sichtweisen über die Capoeira bis heute erhalten.

 

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Er riet seinen Schülern beispielsweise immer zur Ruhe, denn für ihn galt: “Je ruhiger, desto besser für den Capoeirista”. Auch viele tiefgründige Zitate über das Wesen der Capoeira und des Spiels in der Roda stammen von ihm, wobei er nicht nur als Denker sondern auch als herausragender Kämpfer bekannt war.

 

Seine Schule nahm an zahlreichen Vorführungen in ganz Brasilien teil, um die Capoeira bekannter zu machen. 1957 trafen bei einer dieser Veranstaltungen zum ersten Mal die beiden großen Capoeirameister dieser Zeit, Mestre Bimba und Mestre Pastinha aufeinander. Beide verhielten sich respektvoll und machten deutlich, dass die Rivalität zwischen den so verschiedenen Stilen durch einzelne Schüler und nicht durch die Meister entfacht worden war.

 

1966 nahm er sogar an einem Festival für schwarze Kunst und Kultur in Senegal teil und war eine der Hauptattraktionen. Er legte immer Wert darauf, seine Capoeira als Kunst vorzustellen, frei von Gewalt. Auch in seinem 1965 veröffentlichtem Buch “Capoeira Angola” beschreibt er diese Sichtweise ausführlich.

 

Das einsame Ende

1971 wurde Mestre Pastinha von der Stadt gezwungen, sein Haus zu verlassen, da dieses renoviert werden sollte. Zu diesem Zeitpunkt schon über achtzig Jahre alt und fast blind, musste er mit seiner Frau in ein kleines, fensterloses und feuchtes Zimmer ziehen, denn ohne seinen Unterricht reichte das Geld nicht für eine bessere Unterkunft. Schon beim Umzug gingen viele seiner Möbel, Fotografien und Gemälde verloren. Die Stadt hatte versprochen, dass er sofort in sein Haus zurückkehren könne, sobald die Renovierung abgeschlossen wäre, doch es handelte sich um falsche Versprechen.

 

Und so verbrachte der große Meister seine letzten Jahre in Armut und Vergessenheit. Der Umzug und der Verlust seiner Akademie stürzten ihn in eine tiefe Depression, dazu kam ein Schlaganfall, der ihn zunächst für Monate ins Krankenhaus und später in ein öffentliches Altenheim brachte.Trotz seiner gesundheitlichen Probleme nahm er noch im April 1981 an seiner letzten Roda teil. Am 13.11. des selben Jahres erlag er schließlich einem Herzinfarkt und starb allein in seinem ärmlichen Zimmer.

 

Mit seinem Lebenswerk hat Mestre Pastinha maßgeblich dazu beigetragen, die Capoeira bekannter und gesellschaftsfähiger zu machen.

 

 

Seine Lehren prägen die Capoeira Angola bis heute, er lebt in den Liedern und in den Rodas weiter.

 

 

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Xitara

Xitara

Xitara ist nicht nur leidenschaftliche Capoeirista, sondern auch Autorin und Bloggerin. Auf Gingado unterstützt sie andere Capoeiristas mit Trainingstipps und Hintergründen rund um Capoeira.
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