Nascimento Grande

Legendäre Capoeiristas: Nascimento Grande

Nascimento Grande war einer der am meisten gefürchteten Capoeiristas im Recife des neunzehnten Jahrhunderts. Ähnlich wie Besouro Manganga in Bahia und Manduca da Praia in Rio schrieb er Capoeirageschichte in Pernambuco und ist bis heute der bekannteste Capoeirista der Region. Der Spitzname Nascimento Grande bedeutet so viel wie “Große Geburt”.

 

Zur Zeit von Nascimento Grande war die Capoeira in Pernambuco zwar verboten, lebte aber im Untergrund weiter und ähnelte im Stil und der Brutalität der Capoeira in Rio. Auch in Recife gab es verschiedene Maltas, die sich untereinander bekämpften und Unfrieden in der Stadt stifteten.

 

 

Nascimento Grande und seine Geschichte

 

Nascimento Grande wurde 1842 unter dem Namen José Antonio do Nascimento geboren.

 

Über seine Familie und Jugend ist nichts bekannt, alle Geschichten handeln von seinem Leben als Erwachsener.

 

Er wird als sehr eindrucksvoller Mann beschrieben: Ein zwei Meter großer, 120 kg schwerer Schwarzer mit langem Schnurrbart, der nie ohne seinen Hut und seinen 15 kg schweren Gehstock das Haus verließ. Dieser Stock war legendär und es wird berichtet, dass Nascimento Grande so leicht damit umging, als wiege er gerade mal 15 Gramm. Unzählige seiner Gegner bekamen das ganze Gewicht am eigenen Körper zu spüren.

 

Außerdem dabei hatte er immer eine kleine Gummikappe, wahrscheinlich um Waffen wie Messer abwehren zu können.

 

Er war ein bemerkenswerter Capoeirista, der seine Gegner meist mit unerwarteten Rasteiras, Cabecadas oder Rabo de Arraias besiegte.

 

Außerdem war er geschickt im Umgang mit dem Dolch und im Ausnahmefall auch mit der Pistole. Er nutzte sein Können jedoch immer nur, um sich zu verteidigen.

Eine große Persönlichkeit

 

Trotz all seiner Heldengeschichten wird er als ehrlicher Mann und durchaus sensibel beschrieben, so sollen alltägliche Situationen ihn oft zu Tränen gerührt haben.

 

Er hatte eine eher ruhige Persönlichkeit und suchte nie von sich aus Streit sondern war ausgesprochen höflich. Es kam  sogar regelmäßig vor, dass als Schlichter in Streitereien zwischen rivalisierenden Gruppen vermittelt hat. Im Falle einer Provokation jedoch war er nicht mehr zu halten und er soll nie einen Kampf verloren haben.

 

Allein durch sein Aussehen, sein starkes Auftreten und seinen Ruf soll er Soldaten und Polizisten zu Dutzenden in die Flucht geschlagen haben.

 

Trotzdem galt er immer als jemand, der die Schwachen verteidigte und ihnen zu ihrem Recht verhalf, teils auf sehr kreative Weise. Auch hierin ähnelt seine Geschichte der von Besouro Mangangá.

 

Besonders unterstützte er die Prostituierten von Recife. Regelmäßig gab er bekannt, dass jeder, der eine der Frauen ungerecht behandele, es mit ihm und seinem berühmten Stock zu tun bekäme. Solange er sich im Rotlichtviertel aufhielt, hatten die Prostituierten ein ruhiges Leben.

 

Regelmäßig soll er sich auch in diese Frauen verliebt haben und behauptete dann immer, die Liebe einer Prostituierten sei das ehrlichste Gefühl auf Erden. “Glückseelig ist der Mann, den eine Nutte liebt. Verdammt ist der, der die Liebe einer Tugendhaften hat.”

 

Nascimento Grande arbeitete im Hafen von Recife an den Docks als Träger und hatte auch dort den Ruf des stärksten Mannes inne.

 

Bei Zusammenstößen mit der Polizei (Capoeira war damals noch verboten), mischte er regelmäßig ganze Batallione auf, führte Soldaten vor, entkam auf unfassbare Weise, nur um sich am Ende dem schwächsten Polizisten zu ergeben.

 

 

Nascimentos Kämpfe

 

Obwohl unzählige Capoeiristas vom Ruf des Unbesiegbaren angelockt wurden und ihr Glück versuchten, gilt er bis heute als ungeschlagen. Ähnlich wie bei Besouro Mangangá besagt auch die Legende von Nascimento Grande, dass dieser einen “corpo fechado” (geschlossenen Körper) gehabt haben soll. Er konnte demnach nicht durch Waffen verletzt werden (auch nicht Kugeln) und verfügte über übernatürlichen Schut. Angeblich auch wegen eines besonderen Amulettes, das er zeitlebens an einer Kette um den Hals trug. Einige Quellen behaupten, in diesem Amulett habe sich eine heilige Reliquie befunden.

 

Regelmäßig kamen andere Capoeiristas und Kämpfer aus dem ganzen Land, um sich mit ihm zu messen. Zu diesen Kämpfen wurde er oft schriftlich aufgefordert, sie wurden langfristig geplant und angekündigt. Keiner dieser Kämpfe ging von ihm aus, er soll aber auch nie eine Einladung abgewiesen haben.

 

Von einem dieser Kämpfe wird berichtet, dass er stundenlang dauerte, ohne dass einer der Gegner ihn für sich entscheiden konnte. Am Ende siegte dann doch Nascimento Grande und trug seinen blutüberströmten Gegner auf dem Rücken zum nächsten Krankenhaus.

 

Sein Ruf bescherte ihm auch zahlreiche Feinde, am berühmtesten sind wohl die Geschichten seiner zwei Todfeinde Corre Hoje und Antonio Padroeiro. Beide starben bei dem Versuch, die große Legende zu töten.

 

Corre Hoje kämpfte mit Nascimento Grande um Leben und Tod, und obwohl er von sieben Männern dabei unterstützt wurde, verlor er und starb durch eine Kugel, die für Nascimento Grande bestimmt war. Während die anderen Angreifer die Flucht ergriffen, soll Nascimento den Toten auf eine Bank gelegt haben, Kerzen entzündet haben und für ein christliches Begräbnis gesorgt haben.

 

 

Sein Sinn für Humor

 

Wie auch andere berüchtigste Capoeiristas seiner Zeit, machte sich auch Nascimento Grande gern über seine gescheiterten Gegner lustig und blamierte sie in aller Öffentlichkeit.

 

Einmal wurde er von einem Halunken namens Pajé mit einem Fischmesser angegriffen. Pajé war bekannt dafür, Frauen zu schlagen. Nascimento Grande entwaffnete ihn in wenigen Sekunden, besiegte ihn mit einer Rasteira und zwang ihn, in Frauenkleidern durch die Stadt zu laufen.


Ein anderes Mal wurde er von 10 Soldaten in die Enge getrieben, konnte aber auf ein niedriges Dach entkommen, von dem aus er die Soldaten mit seinem Gehstock verprügelte und auf sie sprang.

 

Ein anderer berüchtigter Kämpfer dieser Zeit war Joao Sabe Tudo. Die beiden mieden sich, wo es ging, da beiden klar war, dass es anderenfalls zum Kampf kommen würde. Trotzdem begegneten sie sich eines Tages am Largo da Paz und sofort ging der Kampf los, Joao Sabe Tudo mit seinem Fischmesser und Nascimento Grande mit seinem berühmten Gehstock.

 

Von dem Kampf der beiden Legenden angelockt versammelte sich die halbe Stadt, um das Schauspiel nicht zu verpassen, doch die beiden Gegner bewegten sich kämpfend durch die Straßen Recifes. In ihrem Spiel aus Angriffen, Rückzügen, Rasteiras und Hieben mit Stock und Messer legten sie etwa drei Kilometer zurück und kamen schließlich bis in die Kirche Matriz de Sao Jose.

 

Dort wurden sie von einem Vikar im Namen Gottes dazu aufgefordert, ihren Kampf zu beenden und sich die Hände zu geben. Dies taten sie zwar äußerst widerwillig, wie erzählt wird, trotzdem kämpften sie danach nie wieder miteinander.

 

Nascimento Grande war auch religiös, er ging regelmäßig in die Kirche, um ein Gebet zu sprechen, besuchte aber auch die Riten des Candomblés und betete zu seinem Schutzheiligen.

 

Nascimento Grandes letzte Anekdote

 

Die letzte bekannte Anekdote passierte Nascimento Grande mit 93 auf dem Markt. Ein Händler jubelte ihm eine verschimmelte Ananas unter, was er erst zu Hause bemerkte. Er ging zum Markt zurück, um sich zu beschweren, was der (deutlich jüngere)  Händler allerdings ignorierte, zumindest bis er von ihm an der Gurgel gepackt wurde und so lange an Nascimento Grandes Arm baumelte, bis er fast ohnmächtig war.

 

Nascimento Grande starb wahrscheinlich 1936 (manche Quellen geben auch spätere Daten an) im Alter von 94 Jahren in Rio de Janeiro, wo er seine letzten Jahre verbrachte haben soll. Mal wird behauptet, er sei von der Polizei in Recife getötet worden, mal soll er an Altersschwäche in Rio gestorben sein.

 

Bis heute sind er und seine Geschichten in Capoeirakreisen weltweit bekannt, er gilt als größter Capoeirista aller Zeiten in Pernambuco. Sein einnehmendes Wesen machte ihn nicht nur auf der Straße, sondern in allen sozialen Klassen beliebt und bis heute gilt er als Volksheld von Pernambuco.

 

“Herkules war ein Mythos, Nascimento Grande gab es wirklich. Die Zeitungen von Recife berichten von seinen Heldentaten.” unbekannt

 

 

 

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Xitara

Xitara

Xitara ist nicht nur leidenschaftliche Capoeirista, sondern auch Autorin und Bloggerin. Auf Gingado unterstützt sie andere Capoeiristas mit Trainingstipps und Hintergründen rund um Capoeira.
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