Ein Überblick über die Sklaverei in Brasilien

Die Geschichte der Capoeira ist eng verbunden mit der Geschichte der Sklaven in Brasilien. Viele Besonderheiten unserer Kampfkunst lassen sich anhand der Geschichte erklären. Wenn du zum Beispiel wissen willst, warum wir barfuß spielen, lies weiter!

 

Die Anfänge der Sklaverei

Brasilien wurde im Jahr 1500 durch portugiesische Seefahrer entdeckt, die ein spärlich von Indios besiedeltes Land mit vielversprechender Flora vorfanden. Die Portugiesen interessierten sich damals noch hauptsächlich für das Pau Brasil, ein rötliches Holz, welches auf dem europäischen Kontinent zu Luxusmöbeln verarbeitet wurde. Erst als ein Großteil dieser Bäume an der Küste gerodet waren, wurde die Landwirtschaft zu einer Option. Besonders lukrativ war damals der Anbau von Zucker und Kaffe für den europäischen Markt.

 

Land war in der neuen Kolonie mehr als ausreichend vorhanden, doch es fehlte an Arbeitskräften, die die riesigen Plantagen bewirtschaften konnten. Dieses Problem wollten die Portugiesen zunächst lösen, indem sie die dort noch lebenden Indios versklavten. Doch diese leisteten starken Widerstand und überlebten in Gefangenschaft nur kurze Zeit.

 

Und somit begannen die Kolonialmächte, gefangene Afrikaner als Sklaven über den Atlantik nach Brasilien zu verschiffen.

 

Die afrikanischen Sklaven

Die meisten Sklaven stammten aus Westafrika, zunächst aus den Küstengebieten, mit wachsender Nachfrage drangen die Sklavenjäger jedoch immer tiefer ins Landesinnere vor. Der Großteil der Schwarzen wurde durch Sklavenjäger gefangen genommen und an die Küste gebracht, einige Stämme verkauften jedoch auch ihre eigenen Gefangenen oder Verbrecher des eigenen Stammes an die Weißen, die damit stark von des Stammeskämpfen der Afrikaner profitierten.

 

An der Küste wurden die Gefangenen an die Händler auf den großen Schiffen verkauft, die sich jedoch nur für sehr junge und gesunde Männer und Frauen interessierten. Auf der Monate langen Überfahrt unter den unmenschlichsten Bedingungen, zu hunderten unter Deck eingepfercht, fanden bereits viele Sklaven den Tod.

 

Fast alle dieser Sklavenschiffe liefen in der Anfangszeit den Nordosten Brasiliens an, wo die Afrikaner, am Ende ihrer Kräfte, auf dem Sklavenmarkt an Plantagenbesitzer und andere Interessenten verkauft wurden. Die Mehrheit der Sklaven wurde auf den Fazendas, den Plantagen benötigt, eine geringere Anzahl blieb jedoch in den Städten, um als Haussklave oder in Geschäften eingesetzt zu werden. Letztere hatten oft das bessere Los, da sie weniger schwere körperliche Arbeiten leisten mussten als ihre Landsleute auf den Plantagen, deren Lebenserwartung nur wenige Jahre betrug. Auch auf kleinen Höfen rund um die größeren Städte arbeiteten Sklaven in geringer Zahl.

 

Das Leben in Brasilien

Auf den großen Fazendas lebten Dutzende von Sklaven zusammen in den senzalas, den ärmlichen Sklavenunterkünften. Dort bekamen sie nicht mehr als einen Platz zum Schlafen und gerade soviel Essen, wie notwendig war, damit sie die harte Arbeit noch aushielten. Solange es hell war, schufteten sie auf den Feldern und Höfen, oft aneinander gekettet und immer beaufsichtigt von den Aufsehern, die ihre Peitschen bei jeder Gelegenheit benutzten.

 

Die Lebensbedingungen der Sklaven waren von Fazenda zu Fazenda verschieden, einige Herren erlaubten ihren Sklaven beispielsweise die Ausübung ihrer Religionen und Kulte oder das Bewirtschaften eines eigenen Ackers, andere ließen nichts dergleichen zu. Unmenschlich war das Leben aber wohl überall, durch schwerste körperliche Arbeit, sadistische Bestrafungen, Vergewaltigungen und Schläge.

 

Auch der Umgang der Sklaven untereinander war schwierig, denn auf jeder Fazenda lebten Sklaven aus den verschiedensten Stämmen, mit unterschiedlichen Sprachen und Kulturen. So teilten sie zwar ein gemeinsames Schicksal, mussten aber zunächst Wege finden, sich untereinander zu verständigen. Mit der Zeit wurde das Portugiesisch, was sie von Aufsehern und Herren hörten, zur Basis einer gemeinsamen Verständigung, so dass auch endlich die Möglichkeit gegeben war, Fluchtpläne zu schmieden oder Aufstände zu organisieren.

 

Doch auch dies war alles andere als aussichtsreich, was die vergleichsweise geringe Zahl der Aufstände erklärt. Selbst wenn den Sklaven die Flucht vor den bewaffneten Aufsehern gelange, hatten sie doch noch keinen sicheren Zufluchtsort. Zudem fehlten ihnen jegliche Kenntnisse des Landes, in das sie so unfreiwillig gebracht worden waren. Die einzige mögliche Fluchtrichtung war ins Landesinnere, da die Siedlungen der Weißen sich überwiegend auf den Küstenstreifen beschränkten. Aber auch im Hinterland war ein geflohener Sklave keinesfalls in Sicherheit, denn die Kolonialherren beauftragten Sklavenjäger, sogenannte capitoes do mato, die die Flüchtigen verfolgen und töten oder zurück auf die Fazenda bringen sollten, wo sie schlimme Strafen erhielten und nicht selten vor den Augen der anderen Sklaven zu Tode gepeitscht wurden, um noch als abschreckendes Beispiel zu dienen.

 

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Die Quilombos

Doch hin und wieder, vor allem in den späteren Jahren der Sklaverei gelang einigen Gruppen von Sklaven die Flucht ins Hinterland, wo sie in ausreichender Entfernung zu den Siedlungen der Weißen sogenannte Quilombos errichteten, kleine Siedlungen geflohener Sklaven. Auch hier war das Leben äußerst hart, hatten sie doch weder ausreichend Nahrung noch Werkzeug zur Verfügung und mussten ständig die Entdeckung durch Sklavenjäger fürchten. Trotzdem hielten sich einige dieser Quilombos, allen voran der Quilombo von Palmares, über mehrere Jahrzehnte, in denen sich die Bewohner selbst mit dem Notwendigsten versorgten, sich verteidigten und selbst verwalteten. Es wird sogar vom Handel mit anderen Dörfern und reisenden Händlern berichtet.

 

Ob die Capoeira in diesen Quilombos entstand oder bereits in den Senzalas der Fazendas, kann heute kaum rekonstruiert werden. Für die Entstehung in den Senzalas spricht die Tarnung durch Rhythmus und Musik, da die Schwarzen dort, anders als in den Quilombos, keine Kämpfe praktizieren durften. Einige Historiker behaupte jedoch, dass derartige Kulte auch in den Senzalas verboten waren und daher später entstanden sein dürften.

 

Doch auch in den Städten gab es geflohene Sklaven, die sich dort in den Favelas, den Armenvierteln niederließen und untertauchten. Besonders in den letzten Jahren der Sklaverei gab es auch mehr und mehr Sklaven, die von ihren Besitzern freigelassen wurden und gegen geringe Bezahlung arbeiteten. Der offensichtliche Unterschied zwischen freigelassenen und geflohenen Sklaven lag damals in den Schuhen, denn Schuhe durften nur freie Leute tragen und kaufen. Gelang es einem geflohenen Sklaven also, an Schuhe zu kommen, war er vor einer Entdeckung so gut wie sicher und ging als freier Schwarzer durch.

 

Die letzen Jahre und die Abolition

In den letzten Jahrzehnten vor der Abschaffung der Sklaverei besserten sich die Bedingungen der Sklaven zumindest auf dem Papier etwas. So gab es neue Gesetze, die den Handel mit Sklaven oder das Auspeitschen verboten, was mancherorts Massenfluchten der Sklaven zur Folge hatte. Auch waren seit 1871 alle in Sklaverei geborenen Kinder frei, ihre Mütter jedoch nicht, wodurch in der Praxis kaum eine Veränderung zu sehen war. In den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts wuchs sowohl von der eigenen Bevölkerung als auch international der Druck auf die portugiesische Krone, als eines der letzten Länder die Sklaverei endlich abzuschaffen.

 

1888 gab Prinzessin Isabel schließlich die “Lei Aurea” bekannt, das goldene Gesetz,welches alle Sklaven zu freien Menschen machte. Die Mehrheit der noch etwa 700 000 Sklaven zog daraufhin in der Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen in die Städte was zu einem Zusammenbruch der Kaffee- und Zuckerrohrplantagen führte. Dort siedelten sie sich in den Favelas an und arbeiteten oft unter ähnlichen Bedingungen wie zu Zeiten der Sklaverei, was einige von ihnen in die Kriminalität trieb.

Das plötzliche Ende der Sklaverei und die fehlende Vorbereitung der Sklaven auf das Leben in Freiheit wurde später viel kritisiert und als Ursache der bis heute andauernden Ungerechtigkeiten zwischen Schwarzen und Weißen zitiert.

 

 

 

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Xitara

Xitara

Xitara ist nicht nur leidenschaftliche Capoeirista, sondern auch Autorin und Bloggerin. Auf Gingado unterstützt sie andere Capoeiristas mit Trainingstipps und Hintergründen rund um Capoeira.
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