Wie die Sklaven zu Sklaven wurden

 

Du weißt, dass die Capoeira von Sklaven entwickelt wurde, die aus Afrika nach Brasilien verschleppt wurden.

 

Aber weißt du auch, wie das genau ablief?

 

In diesem Artikel schreibe ich darüber, wie diese Sklaven nach Brasilien kamen, woher sie kamen und wie sie lebten…

 

Übrigens war Brasilien (und nicht etwa die USA oder karibischen Staaten) das Land, in das die meisten afrikanischen Sklaven verschleppt wurden.

 

 

Was bisher geschah

 

Brasilien wurde 1500 von Portugiesen entdeckt und kolonialisiert. In den ersten Jahre passierte noch wenig in der neuen Kolonie, da dort weder Gold noch andere wertvolle Güter gefunden wurden. Zunächst war das pau brasil, das rote Holz, aus dem Farbe oder Möbel hergestellt wurden, die einzige Ware, die für Portugal interessant war.

 

Die Portugiesen handelten damals schon mit Zucker aus Asien und Afrika, und als es ihnen gelang, auch in Brasilien Zuckerrohr anzubauen, explodierte das Wachstum der jungen Kolonie.

 

Überall entstanden Zuckkerrohrplantagen, die mehr Arbeitskräfte benötigten, als verfügbar waren. So wurden zunächst die Indios versklavt, doch das war den Portugiesen nicht genug. So verschleppten sie etwa 1531 die ersten Afrikaner nach Brasilien, um sie dort arbeiten zu lassen.

 

Damit war Brasilien das erste Land, in das afrikanische Sklaven gebracht wurden, etwa 90 Jahre, bevor der Sklavenhandel in den USA begann! Gleichzeitig war es das letzte Land weltweit, das die Sklaverei abschaffte und soll 4 bis 5 Millionen afrikanischer Sklaven geholt haben. Das ist mehr als ein Drittel aller Sklaven, die in Afrika gefangen wurden!

Bis heute ist es das Land mit den meisten Einwohnern afrikanischer Abstammung außerhalb Afrikas.

 

Aber jetzt zur ganzen Geschichte:

 

 

Wer waren die Sklaven?

 

Die Sklaven stammten aus den verschiedensten Regionen Afrikas, die meisten von der Westküste, die für die Portugiesen gut mit dem Schiff erreichbar war.

 

Diese Regionen verteilen sich über die folgenden heutigen Staaten:

  • Senegal
  • Guinea-Bissau
  • Gambiaafrika-umriss-karte-19360
  • Guinea
  • Sierra Leone
  • Liberia
  • Elfenbeinküste
  • Ghana
  • Togo
  • Benin
  • Nigeria
  • Kamerun
  • Äquatorialguinea
  • Gabun
  • Republik Kongo
  • Demokratische Republik Kongo
  • Angola
  • Mosambik
  • Madagaskar

 

Selbst heute wären das schon ein ganzer Haufen Nationalitäten, damals jedoch war jede dieser Regionen von verschieden Stämmen bewohnt, deren Kulturen, Sprachen und Lebensweisen sehr verschieden sein konnten.

 

Die Portugiesen benannten die Sklavengruppen nach den Häfen, in denen sie auf die Sklavenschiffe verladen wurden, egal woher sie wirklich stammten.

 

Dabei unterschieden sie vor allem zwei große Gruppen:

 

1 – Die Bantus

 

Die Mehrheit der Sklaven in Brasilien kam aus dem Kulturkreis der Bantus. Sie stammten aus den südlicheren Regionen Westafrikas, also dem heutigen Angola, Kongo, Mosambik oder Tansania.

 

Unterteilt wurde diese Gruppe nochmal in einzelne ethnische Gruppen, darunter Benguelas, Quiloas, Cassangas, Macuas, Dembos, Cabindas und einige weitere.

Die Sprachgruppe Bantu umfasst etwa 400 Sprachen, daher dürfte es mindestens ebenso viele Stämme gegeben haben.

 

Diese Gruppen bestanden meist aus einigen hundert bis tausend Menschen, die in einem Verbund von Dörfern wohnten und von einem Häuptling geführt wurden.

 

Die Dörfer waren in Haushalte (kraals) aufgeteilt, in denen die Großfamilien lebten. Das Familienoberhaupt war jeweils ein Mann, der mehrere Frauen haben durfte und die Interessen der Familie vertrat. Familienbande und Beziehungen untereinander waren bei den Bantu-Stämmen sehr wichtig.

 

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Interessant ist, dass Ämter wie das des Häuptlings nicht unbedingt an dessen ältesten Sohn vererbt wurden, sondern oft an den ältesten Bruder oder dessen ältesten Sohn. Das könnte erklären, warum Zumbi dos Palmares sein Amt als König des Quilombos von seinem Onkel Ganga-Zumba übernahm.

 

In der Bantu-Kultur hat jedes Mitglied sein eigenes Totem, dem Opfer gebracht und gehuldigt wurde. Außerdem glaubten die Bantus an übernatürliche Wesen und Geister ihrer Vorfahren, sowie an einen großen Schöpfer, der jedoch nicht so stark verehrt wurde.

 

Die Stämme lebten überwiegend von Ackerbau, Viehzucht und Jagd. Dabei waren die Frauen für die Felder zuständig, die Männer für Vieh und Jagd. Auch für andere Aufgaben gab es strikte Geschlechtertrennung.

 

Hauptnahrungsmittel waren Mais, Fleisch, Milch und Gemüse. Viele Tiere durften aus religiösen Gründen nicht verzehrt werden, je nach Totem gab es noch weitere Besonderheiten.

 

Die Hütten bestanden meist aus einem runden Gerüst aus Ästen, was mit Schlamm, Gras oder Dung abgedichtet wurde. Bei den Bantus gab es keine Grenzen oder Grundstücke, da sie Land nicht als Besitz, sondern als eine Art Leihgabe der Natur sahen, die sie nutzen konnten, solange es genug Platz für alle gab.

 

 

 

2 Die Westafrikaner (auch Minas oder Sudaneses)

 

Die zweite große Gruppe war wahrscheinlich die erste, die von den Kolonialmächten in Richtung Amerika verschleppt wurde.

 

Diese Sklaven stammten aus der Region südlich der Sahara, den heutigen Staaten vom Senegal bis Kamerun und gehörten den Stämmen der Nagos, Jejes, Males, Mandingas, Fulas und anderen an.

 

Die meisten dieser Stämme unterschieden sich stärker voneinander als die verschiedenen Bantu-Gruppen.

 

Die Males und Mandingas waren überwiegend muslimisch geprägt und sprachen Arabisch oder Hauca. Die meisten von ihnen beherrschten auch die arabische Schrift.

 

Nagos und Jejes (auf Deutsch auch Ewe genannt) dagegen hatten verschiedene Sprachen der Sprachfamilie Ioruba und oft sehr unterschiedliche Kulturen. Die Religionen, die von ihnen ausgeübt wurden, sind von verschiedenen Glaubensrichtungen beeinflusst und ähneln stark dem Candomblé, Macumba und Umbanda (höchstwahrscheinlich waren sie der Ursprung dieser Religionen).

 

Die meisten dieser Stämme lebten von Ackerbau und Fischerei und waren teils sehr strikt organisiert, inklusive eigener Armee. In einigen Stämmen gab es eine Art Ständesystem und auch Formen von Sklaverei waren teilweise üblich.

 

 

 

Wie wurden sie zu Sklaven?

 

Da unter diesen verschiedenen Stämmen in Süd- und Westafrika immer wieder Kriege und Überfälle stattfanden und auch Sklaverei durchaus  üblich war, konnten die Portugiesen den Großteil der Sklaven einfach kaufen.

 

Besonders Kriegsgefangene, Schuldner oder verurteilte Verbrecher wurden von vielen Häuptlingen gerne abgegeben. Aufgrund der steigenden Nachfrage überfielen einige Stämme ihre Nachbarn sogar aus dem einzigen Grund, Gefangene zu machen und sie an die Portugiesen zu verkaufen. Im Gegenzug bekamen sie dafür Güter aus Portugal und seinen Kolonien.

 

Die Preise, die für die Sklaven bezahlt wurden, waren sehr unterschiedlich. Aus der Anfangszeit in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gibt es Berichte, nach denen ein altes Pferd gegen 30 Sklaven getauscht wurde. Mit steigender Nachfrage im 17. Jahrhundert erhöhten sich diese Preise aber erheblich und variierten auch von Region zu Region.

 

Die Portugiesen brauchten für ihre Kolonie vor allem Arbeitskräfte, so dass vor allem junge, kräftige Männer  und wenige Frauen gekauft wurden. Später, als der Sklavenhandel schwieriger wurde, wurden vermehrt junge Frauen versklavt, um für Nachwuchs zu sorgen. Kurz vor dem Verbot des Sklavenhandels kauften die Portugiesen praktisch alle Sklaven, die sie bekommen konnten, unabhängig von deren körperlicher Verfassung.

 

Die Sklaven wurden entweder von den Afrikanern direkt an die Küste gebracht und dort verkauft oder schon im Hinterland an Sklavenhändler übergeben. In den großen Hafenstädten, die portugiesische Galeeren anliefen, wurden sie so lange eingesperrt, bis genug Sklaven für die Überfahrt nach Brasilien angekommen waren. Bevor sie auf die Schiffe verladen wurden, wurden sie auch meist gebrandmarkt.

Schätzungen zufolgen starben bereis bis zu 40% der Sklaven, bevor sie auf die Sklavenschiffe gebracht wurden.

 

 

 

 

Wie gelangten sie nach Brasilien?

 

Entlang der afrikanischen Westküste unterhielten die Portugiesen (und auch andere Kolonialmächte) mehrere große Häfen, die sie mit ihren Handelsschiffen anliefen.

 

Diese Schiffe kamen aus Europa mit Waffen, Kleidung oder Schmuck beladen nach Afrika, wo sie ihre Ladung gegen Sklaven eintauschten und die wiederum nach Süd-, Mittel- oder Nordamerika brachten. Dort angekommen tauschten sie die Sklaven gegen Zucker, Kaffee oder Baumwolle, die sie in Europa verkauften.

 

Damit mussten diese Schiffe nicht nur Waren, sondern auch viele Menschen aufnehmen, weshalb die Portugiesen alte Handelsschiffe so umbauten, dass beides damit möglich war. Dazu wurden Zwischendecks eingezogen, um möglichst viele Sklaven auf kleinstem Raum transportieren zu können. Diese Decks waren so niedrig, dass ein die Sklaven dort nicht stehen konnten.

 

Die Sklaven verbrachten oft die komplette Überfahrt angekettet auf engstem Raum. Je nach Größe des Schiffes wurden mehrere hundert Sklaven transportiert, sodass jeder einzelne etwa einen halben Quadratmeter Platz hatte.

 

Die Bedingungen unter Deck waren katastrophal. Die Sklaven verbrachten die Überfahrt inmitten von Fäkalien und Erbrochenem. Da die Mannschaft nur selten den Rumpf betrat, wurde das Essen nur hinein geworfen, sodass die Verteilung durch die Sklaven selbst erfolgte.

 

Die Sterblichkeitsrate lag unter diesen Bedingungen bei etwa 15 %, doch die Leichen wurden oft über Tage und Wochen liegen gelassen. Von einigen Schiffen wird berichtet, dass erst dann die Toten (und Kranken) geholt und über Bord geworfen wurden, wenn sich das Schiff in einer Notlage befand und Gewicht verlieren musste.

 

Vor allem in den späteren Jahren des Sklavenhandels soll sich die Situation auf den Schiffen etwas verbessert haben, um die Sterblichkeit zu senken. Demnach durften die Sklaven öfter an Deck und wurden von ihren Ketten befreit, sobald das Schiff weit genug vom Land entfernt war.

 

Die Überfahrt dauerte ein bis drei Monate, je nachdem, welche Häfen angelaufen wurden und wie das Wetter war. Die meisten Sklavenschiffe fuhren von Afrika zu den Häfen im Nordosten Brasiliens; als die Kaffeeproduktion im Südosten anlief, auch nach Sao Paulo oder Rio de Janeiro.

 

 

Die Ankunft in Brasilien

 

Sobald die Schiffe die brasilianische Küste erreicht hatten, wurden die Sklaven auf kleinere Beiboote gebracht und vom Zoll kontrolliert.

An Land angekommen wurden die Gruppen oft so unterteilt, dass Angehörige des gleichen Stammes nicht zusammen blieben, womit die Portugiesen Rebellionen verhindern wollten.

 

Vom Strand oder Hafen aus wurden die Sklaven entweder direkt von ihren Käufern abgeholt und auf deren Ländereien gebracht, oder sie wurden auf dem öffentlichen Sklavenmarkt verkauft. Besonders die Besitzer der großen Plantagen, die immer große Mengen an Arbeitskräften brauchten, bestellten schon im Voraus Sklaven mit den gewünschten “Qualitäten” bei den Sklavenhändlern.

 

 

 

Und so gelangten die Sklaven letztlich zu ihren neuen Herren. Sie mussten auf den Plantagen arbeiten, aber auch als Haussklaven, bei Händlern und Handwerkern, in Minen oder in der Viehzucht.

 

 

Wenn du mehr über die Sklaverei und das Schicksal der Sklaven in Brasilien lesen willst, findest du hier weitere Artikel:

 

Ein Überblick über die Sklaverei in Brasilien

Palmares – Symbol des schwarzen Widerstandes

Vom Freiheitskampf zum modernen Sport – Die Geschichte der Capoeira

Zumbi dos Palmares – Alles, was du über seine Geschichte wissen musst

 

 

 

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Quellen:

http://www.diss.fu-berlin.de/diss/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDISS_derivate_000000001051/06_kap5.pdf?hosts=

https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Sklaverei#Brasilien

https://pt.wikipedia.org/wiki/Afro-brasileiros#O_tr.C3.A1fico_transatl.C3.A2ntico_de_escravos

https://de.wikipedia.org/wiki/Bantu

http://professor-josimar.blogspot.de/2013/01/navio-negreiro-e-escravidao.html

 

 

Xitara

Xitara

Xitara ist nicht nur leidenschaftliche Capoeirista, sondern auch Autorin und Bloggerin. Auf Gingado unterstützt sie andere Capoeiristas mit Trainingstipps und Hintergründen rund um Capoeira.
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