Was haben Quilombos mit Capoeira zu tun?

Was sind Quilombos?

Unter einem Quilombo (manchmal auch mocambo genannt) versteht man eine Ansiedlung geflohener Sklaven, die sich in der Wildnis ein Leben in Gemeinschaft aufbauten. Die Quilombos entstanden im sechzehnten Jahrhundert vor allem in der Nähe großer Gutshöfe, auf denen zahlreiche Sklaven arbeiteten.

Die flüchtigen Sklaven schlossen sich zu Gruppen zusammen, um sich gegen ihre Verfolger verteidigen zu können und fernab der Städte überleben zu können.

Der portugiesische König formulierte die Definition eines Quilombos 1740 so: „Jede Wohnstätte von mindestens 5 geflohenen Schwarzen außerhalb der Zivilisation, auch unbefestigt.“

Die Bezeichnung stammt aus der afrikanischen Quimbundu-Sprache, in der kilombo einen Ort bezeichnet, an dem Nomaden Rast machen oder das Lager von Karawanen.

Das Phänomen der Quilombos beschränkte sich keinesfalls auf Brasilien. In vielen anderen Ländern, in die afrikanische Sklaven verschleppt wurden, bildeten sich ähnliche Siedlungen, beispielsweise die palenques in Kuba und Kolumbien oder die marrons auf Haiti.

 

Entstehung

Seitdem Mitte des sechzehnten Jahrhunderts Afrikaner als Sklaven nach Brasilien gebracht wurden, versuchten diese zu fliehen und sich eine Existenz fernab der Zivilisation der Weißen aufzubauen. Wann und wo der erste Quilombo entstand, ist nicht mehr nachzuverfolgen, wahrscheinlich geschah es aber noch im sechzehnten Jahrhundert im Nordosten Brasiliens, wo viele Sklaven auf den Plantagen arbeiteten.

Die einzig mögliche Fluchtrichtung war (zumindest anfangs) das Hinterland, da entlang der Küste immer mehr Siedlungen entstanden. Die Sklaven liefen einzeln oder in Gruppen mehrere Tage oder sogar Wochen, bis sie einen Platz fanden, an dem sie sich sicher vor ihren Verfolgern fühlten und an dem ein Überleben möglich war.

Kleinere Gruppen waren meist sehr mobil und zogen häufig von Ort zu Ort, lebten von der Jagd, dem Fischfang oder den Früchten des Waldes und trieben einfachen Handel mit fahrenden Händlern, Indios oder Siedlungen in ihrer Nähe.

Größere Quilombos wurden mit der Zeit befestigt, es wurden Hütten gebaut und Felder angelegt, sowie Vieh gehalten, um die Bewohner zu ernähren. Außerdem sicherten die Schwarzen gegen Angreifer, indem sie Palisaden errichteten und Wachen aufstellten, um schon früh vor dem Feind gewarnt zu werden.

Den Kolonialherren waren die Quilombos stets ein Dorn im Auge, sodass sie ständig Ziel von Expeditionen waren und häufig den Ort wechseln mussten, um nicht entdeckt zu werden. Große Quilombos wie der Quilombo dos Palmares im heutigen Alagoas beherbergten bis zu 20 000 Bewohner. Da sie schwierig zu evakuieren waren, bildeten sie ein eigenes Heer, um Angriffe abwehren zu können.

Quilombos entstanden überall dort, wo viele Sklaven arbeiteten, mit zunehmender Erschließung und Besiedelung auch immer mehr im Südosten und Süden Brasiliens. Die genaue Zahl ist ungewiss, allerdings sind über 50 große Quilombos namentlich bekannt.

 

Neue Artikel im Shop - nur für kurze Zeit!

bild4

 

Leben im Quilombo

Die Bewohner der Quilombos werden Quilombolas genannt, darunter waren nicht nur geflohene Sklaven, sondern auch Indios, freie Schwarze, aber auch Deserteure, Kriminelle und Aussteiger, die aus den verschiedensten Gründen die Städte verließen. Mit der Zeit breiteten sich Gerüchte über die großen Quilombos bis in die Städte aus, sodass fliehende Sklaven wussten, wohin sie sich wenden konnten.

Während die kleinen Quilombos einfache Strukturen hatten, die sich auf Nahrungsbeschaffung und Verteidigung beschränkten, verfügten die großen Quilombos über komplexe Strukturen, die das Leben in Gemeinschaft regelten.

Palmares beispielsweise hatte eine beeindruckende Infrastruktur: Es bestand aus einem Verbund von Siedlungen, die einen oder mehrere Tagesmärsche voneinander entfernt lagen. Die Hauptstadt war Macaco, eine befestigte Siedlung, in der der König von Palmares lebte. Alle andere Siedlungen hatten Vorsteher, die sich in Krisenzeiten zu einem Rat zusammenfanden und gemeinsame Strategien verfolgten.

Die Bewohner arbeiteten – je nach Können – als Bauern, Soldaten, Jäger, Fischer und Handwerker. Alles, was produziert wurde, gehörte der Gemeinschaft, wurde gelagert und nach Bedarf verteilt. Was nicht benötigt wurde, verkauften die Bewohner an fahrende Händler oder trieben Tauschhandel mit nahe gelegenen Dörfern und Fazendas.

Die Bauern bewirtschafteten große Felder in Mischkultur und bauten Mais, Bohnen, Maniok, Bananen, Zuckerrohr, Tabak und Süßkartoffeln an,  all die Pflanzen, mit denen die Sklaven bereits auf den Fazendas gearbeitet hatten. Je nach Klima und Sorte konnte zwei mal jährlich geerntet werden, sodass in Friedenszeiten die Versorgung gesichert war. Außerdem wurden Schweine und Hühner gehalten.

In einigen Quilombos gab es auch eine Form der Sklaverei, die bereits aus Afrika bekannt war, aber wenig mit der Behandlung durch die Weißen gemein hatte. Diese Sklaven mussten zwar arbeiten, wurden jedoch fast wie Ebenbürtige behandelt, aßen zusammen mit ihren Herren etc.

Lebensgrundlage der Quilombolas war die Gemeinschaft und Solidarität untereinander, denn ohne diese Werte hätten die Quilombos kaum bestehen können. Bei Angriffen halfen sich die Siedlungen untereinander, ebenso wie bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln. Viele Quellen berichten von beeindruckendem Arbeitseifer und Orgnisation der Bewohner.

Doch das Leben bestand eben nicht mehr nur aus Arbeit, denn endlich hatten die Schwarzen die Freiheit, ihre Religionen und Riten zu zelebrieren, Feste zu feiern und ihre afrikanische Kultur wieder leben zu können. Erstaunlicherweise waren die Bewohner von Palmares beispielsweise trotzdem vom Christentum geprägt, das mit afrikanischen Religionen vermischt wurde. Palmares besaß sogar eine Kapelle mit Marienbildern und anderen sakralen Objekten.

Die Quilombos hielten auch Kontakt zu den umgebenden Dörfern und den Sklaven auf den Fazendas, aber auch zu den Sklaven und freien Schwarzen in den Städten und sogar zu Guerillakämpfern in den Wäldern. Auf diese Weise kamen sie neben Gütern vor allem an Informationen über die Pläne der Kolonialherren und waren so oft bereits gewarnt, bevor die Soldaten sich überhaupt auf den Weg Richtung Quilombo machten.

 

Überfälle

Den Weißen, besonders den Plantagenbesitzern, waren die Quilombos natürlich ein Dorn im Auge. 1874 schrieb der Präsident von Sergipe in einem Brief „Quilombos sind der Schrecken der Großgrundbesitzer, deren Leben und Wohlstand einer konstanten Bedrohung unterliegt.“

Denn die meisten großen Quilombos beschränkten sich nicht darauf, auf geflohene Sklaven zu warten, sondern organisierten Überfälle auf Fazendas, in denen sie dortige Sklaven befreiten und Werkzeuge, Waffen und Tiere mitnahmen, oder Revolten, die an verschiedenen Orten in der Umgebung gleichzeitig abliefen.

So vereinbarten sie Signale, die den Beginn der Revolte markierten, legten Feuer oder lenkten die Weißen auf andere Weise ab und nutzten die Gelegenheit zur Flucht. In einigen Fällen kämpften sie auch gegen ihre Unterdrücker, die diese Aufstände oft mit dem Leben bezahlten.

Einige Quilombos besetzten sogar Fazendas, auf denen die Schwarzen lebten und arbeiteten, bis sie vertrieben wurden.

 

Verteidigung

Sobald ein Quilombo bekannter wurde, ergriffen die Weißen Maßnahmen, um ihn zu zerstören und die Schwarzen wieder gefangen zu nehmen. Oft dauerte es jedoch mehrere Jahre, um genügend Soldaten zusammen zu bekommen, da diese auch an anderer Stelle gebraucht wurden, unter anderem um sich gegen holländische Angriffe zu wehren.

Sklavenjäger, die von den Großgrundbesitzern angeheuert wurden, um geflohene Sklaven aufspürten und zurück zu bringen, lokalisierten oft  die Quilombos, in denen die Schwarzen sich versteckten. Handelte es sich um kleinere Siedlungen, griffen die Sklavenjäger in kleinen Gruppen direkt an. Denn obwohl ihnen die Schwarzen in der Regel zahlenmäßig überlegen waren, verfügten sie über die besseren Waffen.

Doch auch die kleinen Quilombos waren wachsam und ließen sich selten überrumpeln. So wurden die Eindringlinge beobachtet, während der eigentliche Quilombo bereits geräumt wurde und sich die Bewohner im Wald versteckten oder weiter zogen. Teilweise legten die Schwarzen Hinterhalte und lieferten sich Kämpfe mit den Sklavenjägern, denen sie je nach Gelände durchaus auch überlegen waren.

Die großen Quilombos wie Palmares oder Ambrosio hatten andere Strategien, um sich zu verteidigen. Ein Gebiet, was einige Tagesmärsche rund um den Quilombo lag, wurden von Schwarzen beobachtet, zum Teil, um ankommenden Flüchtlingen den Weg zu weisen, aber auch, um Eindringlinge rechtzeitig zu bemerken.

Je nach Anzahl der Angreifer wurden diese bereits in einiger Entfernung zum Quilombo von den Tuppen der Schwarzen angegriffen oder in Hinterhalte gelockt. Gegen große Gruppen von Soldaten waren die Quilombolas jedoch nicht gewappnet, sodass diese sich durch die Wälder bis an die Palisaden der Quilombos kämpften.

Doch bis dahin hatten die Angreifer häufig schon große Verluste zu verzeichnen, da die Soldaten im Wald  Malaria bekamen und durch Schlangenbisse oder Hinterhalte verletzt oder getötet wurden.  Bis das Heer die eigentliche Siedlung erreicht hatte, war diese meist schon verlassen. Die Soldaten zerstörten den Quilombo während sich Späher auf die Suche nach dem nächsten Ziel machten.

So ist es kaum verwunderlich, dass solche Expeditionen meist nach einigen Versuchen scheiterten und in die Städte zurückkehrten. Auch die Schwarzen hatten Verluste zu beklagen, meistens konnte sich jedoch der Großteil der Bewohner retten und in benachbarten Siedlungen Zuflucht finden. Der Quilombo dos Palmares widersetzte sich auf diese Weise über hundert Jahren allen Angriffen, bis er 1699 (bzw 1694) komplett zerstört wurde. Es wurden bis zu 9 000 Soldaten geschickt, um gegen die Palmarinos zu kämpfen.

Capoeira in den Quilombos

Ob die Capoeira in den Quilombos oder in den Senzalas der Plantagen entstand, kann nicht abschließend beantwortet werden. Auf jeden Fall aber wurde sie in einigen Quilombos praktiziert, weitergegeben und zur Verteidigung eingesetzt.

Besonders im dichten Wald, in dem die Quilombos lagen, waren große Waffen praktisch unbrauchbar und es wurde eher mit Pistolen, Pfeil und Bogen und im Nahkampf gekämpft. Dabei war die Capoeira von großem Nutzen für die Schwarzen, die mit den Wäldern vertraut waren und sich im Gegensatz zu den Soldaten sicher darin bewegten. Das Heer von Palmares soll Capoeira sehr stark genutzt haben, um sich gegen die immer wieder angreifenden Soldaten zu wehren.

Auch bei Überfällen auf Händler oder Fazendas wurde die Capoeira benutzt, ebenso wie bei den Revolten. Über die vielen Kontakte, die die Quilombolas unterhielten, verbreitete sich die Kampfkunst auch in den Städten gelangte in die verschiedenen Regionen des Landes.

Xitara

Xitara

Xitara ist nicht nur leidenschaftliche Capoeirista, sondern auch Autorin und Bloggerin. Auf Gingado unterstützt sie andere Capoeiristas mit Trainingstipps und Hintergründen rund um Capoeira.
Xitara

Kommentar verfassen