Frauen in der Capoeira – Geschichte

Heutzutage ist das Geschlechterverhältnis bei Capoeiraveranstaltungen nahezu ausgeglichen, zumindest unter den Schülern. Sobald man sich aber unter den höher graduierten Gästen umschaut, trifft man immer weniger Frauen an und auch die alten berühmten Capoeiristas sind zum Großteil Männer.


Warum das so ist und wieso Frauen trotzdem auch in der Capoeirageschichte verschiedene Rollen gespielt haben, erfährst du in diesem Artikel.



Frauen in der Sklaverei


Die Geschichte der Capoeira ist eng mit der Geschichte der afrikanischen Sklaven verbunden, die nach Brasilien verschleppt wurden.


Noch in Afrika wurden bevorzugt junge starke Männer und Frauen ausgewählt, um sie in die Kolonien zu verschiffen. Dabei erzielten die Männer deutlich höhere Preise, auch wenn Sklavinnen ebenfalls von den Gutsbesitzern und anderen Sklavenhaltern gezielt “bestellt” wurden.

Während die Sklaven überwiegend zur Feldarbeit und für andere schwere Arbeiten gekauft wurden, mussten die Sklavinnen meist Arbeiten rund ums Herrenhaus verrichten und als Dienstmädchen jeden Wunsch ihrer Herren erfüllen. Außerdem hatten sie Nachwuchs zu gebären, nicht selten auch vom Herrn des Hauses, um diesen mit Arbeitskräften für die nächsten Jahrzehnte zu versorgen.


Die Aufgaben und auch der Alltag von schwarzen Männern und Frauen unterschieden sich deutlich voneinander, auch wenn sie nach der Arbeit unter sich waren. Aufgaben wie kochen, waschen und reinigen erledigten auch hier die Frauen, außerdem kümmerten sie sich um Verletzungen, Krankheiten und häufig auch um den Kontakt zu den Ahnen und Göttern.


Ob die Capoeira in diesem Umfeld in den Senzalas entstand oder erst in den Quilombos, Eines gilt als realtiv sicher: Da es sowohl für Männer als auch für Frauen notwendig war, sich auf der Flucht, bei einem Aufstand oder bei einem Angriff auf den Quilombo verteidigen zu können, haben beide Geschlechter gleichermaßen Capoeira praktiziert und geübt.


In keiner der kritischen Situationen hätten es sich die Sklaven leisten können, nur die Männer kämpfen zu lassen, da die Gegner ihnen praktisch immer in Anzahl oder durch Ausrüstung und Waffen überlegen waren.


So lange die Sklaven oder Flüchtigen also in ständiger Gefahr und Kampfbereitschaft lebten, war die Capoeira für beide Geschlechter ein überlebenswichtiges Werkzeug. Das änderte sich erst mit dem Ende der Sklaverei 1888.




Frauen und Capoeira nach 1888

Die ehemaligen Sklaven zogen von den Farmen in die Städte auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben. Gleichzeitig wurde die Capoeira verboten und alle Dokumente über die Sklaverei vernichtet.


Anders als in den Senzalas oder Quilombos lebten die ehemaligen Sklaven in den Städten nicht mehr in großen Gruppen, sondern in kleineren Familien, in denen die Männer als Tagelöhner oder in Maltas versuchten, den Lebensunterhalt zu finanzieren, während sich die Frauen um Haushalt und Kinder kümmerten und als Wäscherinnen oder fliegende Händlerinnen arbeiteten.


Obwohl die Capoeira verboten war, wurde sie von den Capoeiragangs auf den Straßen weiterhin genutzt, um mit der Polizei zu kämpfen, Auftragsgaunereien auszuführen oder Rivalitäten auszufechten. Da zu dieser Zeit die Frauen weniger auf den Straßen vertreten waren, verschwanden sie auch mehr und mehr aus der Capoeira.


In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erleben die Maltas ihren Höhepunkt, was in vielen Dokumenten belegt ist. Unter diesen gibt es nur eine Handvoll Geschichten über Frauen, die in den Capoeiragangs ihr Unwesen trieben und es mit Männern, der Polizei und verfeindeten Gangs aufnahmen. Die berühmten Legenden der Capoeira wie Nascimento Grande oder Besouro waren allesamt Männer.


Auf einigen historischen Zeichnungen sind Rodas zu sehen, in der Frauen zwar anwesend sind, allerdings keine aktive Rolle haben. Sie sind oft als Straßenverkäuferinnen dargestellt oder als Begleitung der männlichen Protagonisten. In den Aufzeichnungen findet man sogar Erzählungen von Capoeirakämpfen, in denen die Männer um eine der anwesenden Frauen kämpften. Außerdem sollen die Frauen der Capoeiristas oft die Aufgabe gehabt haben, unbemerkt Waffen wie Messer und Rasierklingen für ihre Männer zu schmuggeln oder griffbereit zu halten.


Besonders Frauen, die selbst viel auf der Straße arbeiteten, kamen damals schnell mit der Capoeira in Berührung, insbesondere als Straßenhändlerinnen und Prostituierte der gefährlicheren Viertel. Sie lernten, sich zu verteidigen und einige von ihnen beherrschten sogar das berüchtigte Spiel mit der Rasierklinge (jogo da navalha). Auch hier erwies sich die Capoeira wieder als ein Hilfsmittel im täglichen Kampf ums Überleben, denn auf den Straßen herrschte das Recht des Stärkeren.


Von diesen Frauen sind nur einzelne Fakten bekannt. So soll beispielsweise Maria 12 Homens, eine berüchtigte Capoeirista Salvadors 12 Männer k.o. geschlagen haben und sich so ihren Spitznamen verdient haben. Ihre Rasierklinge versteckte sie immer in ihren Haaren und schlug mit ihrer Capoeira auch regelmäßig die Polizei in die Flucht. Einige Erzählungen berichten sogar, dass sie eine Freundin von Besouro Manganga gewesen sein soll.


Doch sie war nicht die einzige Frau, die damals in Salvador für Unruhe sorgte. Auch Maria Homem und Maria Salomé sollen sich regelmäßig mit Polizisten und anderen Capoeiristas heftige Auseinandersetzungen geliefert haben. Maria do Camboatá dagegen soll im Rausch regelmäßig die Bars der Umgebung zerlegt haben.

Maria 12 Homens

Weitere Namen von berüchtigten Frauen dieser Zeit sind:

Maria do Comboatá, Calca Rala, Satanás, Nega Didi, Maria para o Bonde, Antonia Diabo, Catu, Chicao, Angelica Endiabrada, Almerinda, Menininha, Rosa Palmeirao oder Massú.


Von ihnen sind meist nur die Namen überliefert und es ist nicht geklärt, ob sie wirklich Capoeiristas waren.

Den Frauenanteil in der Capoeira damals kann man durch eine Polizeistatistik aus bestimmten Bezirken von Rio de Janeiro erahnen. Von 196 Angeklagten, die gegen das Capoeiraverbot verstoßen hatten, waren nur 14 weiblich, darunter interessanterweise sogar 3 Ausländerinnen.

Legalisierung der Capoeira

Die Capoeira blieb bis in die 1930er Jahre verboten, bis Mestre Bimba den Präsidenten davon überzeugen konnte, sie zu legalisieren und sogar als nationale Kunst zu definieren. Erst mit den ersten Capoeiraschulen von Mestre Bimba und Mestre Pastinha und der Aufhebung des Verbots der Capoeira kamen auch die Frauen stärker zurück in die Roda.

Ein Lied von Mestre Pastinha beschreibt ausdrücklich “Capoeira ist für Mann, Junge, Frau…”, doch die Realität damals sieht oft anders aus und nur wenige Frauen sind an den Capoeiraschulen zu finden. Obwohl sie eine große Rolle dabei spielten, das Image der Capoeira zu verbessern, dauerte es, bis es sich vom Straßenkampf der Rotlichtviertel zu einem anerkannten Kampfsport wandelte.


Das lag auch daran, dass die Capoeira zwar offiziell erlaubt, von vielen aber weiterhin als Aktivität von Gaunern und sehr brutal angesehen war und somit als denkbar unpassend für Frauen und Mädchen empfunden wurde. Dazu kam die gesellschaftliche Aufgabe der Frau, sich um Heim und Familie zu kümmern.

Brasilien war und ist eine von Männern dominierte Gesellschaft, in der viele Aktivitäten für Mädchen und Frauen nicht akzeptiert wurden und erst langsam ein Umdenken stattfand. So hatten sich weibliche Capoeiristas oft nicht nur gegen das eigene Umfeld zu behaupten, sondern auch gegen Trainingspartner, Lehrer und Meister, die ihnen die Teilnahme erschwerten.


Das Image der Capoeira blieb bis zum Ende des Jahrtausends das eines gefährlichen Kampfsports, der eher in den Randgebieten praktiziert wurde. Von vielen Eltern wurde Capoeira nicht als eine mögliche Aktivität für ihre Töchter akzeptiert, was dazu führte, dass viele Frauen erst mit Anfang 20 begannen, Capoeira zu spielen während ihre männlichen Kollegen schon als Kinder damit anfingen.

Erst in den 80er Jahren finden sich Berichte über signifikante Zahlen an Schülerinnen, besonders in Rio und erste reine Frauengruppen auf größeren Veranstaltungen.

Heute

Die “schöne” Capoeira mit viel Akrobatik und wenig Kontakt existiert so erst seit wenigen Jahrzehnten und so steigt auch der Frauenanteil erst stark seit dieser Zeit. Mittlerweile gibt es nicht nur einen großen Teil an Schülerinnen, sondern auch Lehrerinnen und einige Mestras, auch wenn diese wohl noch einige Zeit in der Minderheit bleiben werden.

Auch vielen Liedern merkt man deutlich an, dass die Capoeira männlich geprägt ist, denn oft erzählen sie von der Ehefrau, dem schönen Mädchen von nebenan oder ähnlichen Dingen. Und eine Roda, die von einer Frau am Gunga geleitet wird, ist außerhalb der Frauenevents immer noch eine Seltenheit.

Seit einigen Jahren erfreuen sich diese Frauenevents immer größerer Beliebtheit. Sie wurden geschaffen, um den weiblichen Capoeiristas Raum zu geben, sich auszutauschen und auch über das Thema “Frauen in der Capoeira” zu diskutieren, denn nach wie vor müssen sie für viele Posten stärker beweisen oder werden sexualisiert.

Es findet ein Wandel statt und der Platz der Frauen in der Capoeira wird immer größer, doch das passiert langsam wie jede gesellschaftliche Veränderung.

Fazit


Obwohl Frauen in der Capoeirageschichte immer präsent waren, wurde die Capoeira von Männern und einer patriarchalischen Gesellschaft geprägt. Auch wenn der Frauenanteil weiter zunimmt, wird es noch einige Zeit dauern, bis das Geschlecht eines Capoeiristas keine Rolle mehr spielt.
Und noch heute ist das größte Kompliment, das eine Frau für ihr Spiel bekommen kann “Ela joga igual homem” – sie spielt wie ein Mann.






Quellen:

https://www.welt.de/print-welt/article343974/Auf-dem-Sklavenmarkt-waren-Maenner-teurer.html

https://muzenzacrianca.com.br/2017/07/20/a-mulher-na-capoeira/

https://books.google.de/books?id=-h_ABAAAQBAJ&pg=PA288&lpg=PA288&dq=capoeira+mulher+famosa&source=bl&ots=ukr0CgHDo1&sig=ACfU3U0rAhhCyrWmbGaaI-3Vk5d57a_mrw&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwiMy5mH_dLhAhVByKQKHWwlDfMQ6AEwCnoECAgQAQ#v=onepage&q=capoeira%20mulher%20famosa&f=false

http://agenciabrasil.ebc.com.br/geral/noticia/2018-07/mulheres-usam-roda-de-capoeira-como-espaco-de-luta-pela-igualdade
https://www.redbull.com/br-pt/Capoeira-e-as-mulheres-Red-Bull-Paranaue

Xitara

Xitara ist nicht nur leidenschaftliche Capoeirista, sondern auch Autorin und Bloggerin. Auf Gingado unterstützt sie andere Capoeiristas mit Trainingstipps und Hintergründen rund um Capoeira.
Xitara

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